Helmpflicht durch die Hintertür?

Die Radfahrer sind schuld. Also: nicht immer. Aber bei Zusammenstößen mit Autofahrern, bei denen Radler keinen Helm tragen, tragen Sie künftig eine Mitschuld an ihren Verletzungen.

Das schleswig-holsteinische Oberlandesgericht (OLG) entschied jetzt, dass Radfahrer bei einem Zusammenstoß mit einem anderen Verkehrsteilnehmer eine Mitschuld tragen, wenn sie keinen Helm getragen haben, der ihre Kopfverletzungen hätte vermindern oder vermeiden können. Das gelte selbst dann – und jetzt kommts – , wenn sich der Unfallgegner verkehrswidrig verhalten habe. Das Urteil gilt noch nicht bundesweit, eine Revision wurde zugelassen.

Das könnte man nun als leicht skuril abtun, nach dem Motto: Doofe Radfahrer, sind doch selbst schuld. Ein Helm ist schließlich dazu, Kopfverletzungen bei Radlern abzumildern oder zu vermeiden. Und die Helme seien mittlerweile so preiswert, dass sich jeder Radfahrer einen leisten kann, so argumentierte auch das Gericht.

Ein paar Aspekte geben für ein solch maßgebliches Urteil allerdings doch zu denken. Zunächst: Es gibt keine Helmpflicht bei uns. Verkehrsminister Ramsauer hat sie bislang nicht eingeführt, die Radler selbst wollen sie zum größten Teil auch nicht, ihr Sinn und Nutzen ist nicht unumstritten.

Gut, kann man dennoch sagen: Endlich mal ein Urteil, dass an das Verantwortungsbewusstsein der Radler appelliert. Die müssen selbst wissen was gut für sie ist. Juristisch – und auch pädagogisch, um es mal so zu nennen – also so weit vielleicht noch korrekt.

Was mich stört ist die automatische Mitschuld, des Radlers, auch wenn die Schuld des Autofahrers eindeutig ist. Wo gibt es das sonst? Der Appell ans vorausschauende Handeln ist eine Sache, die juristische Konsequenz eine andere. Bin ich automatisch Mitschuld an einem Überfall, wenn ich mich nachts in ein dunkles Viertel wage? Stehe ich in der Mitverantwortung, wenn mir in der Fußgängerzone die Geldbörse geklaut wird? Und was hat das für Konsequenzen für die Verursacher: Generell muss da ja die Strafe geringer ausfallen.

Die Helmpflicht für Radler ist zu recht umstritten: Durch diese Vorgabe würde das Radfahren, das Radeln im normalen Alltag, in einem Maße unpopulärer, dass gesundheitliche und Umweltaspekte des Radfahrens unverhältnismäßig drastisch betroffen sind. So fasst zum Beispiel auch Wikipedia einige Aspekte dieser Diskussion zusammen.

Andere verweisen darauf, dass Helme nicht die Unfallgefahr beeinflussen, sondern nur das Verletzungsrisiko – und dies übrigens gleichermaßen bei Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. Wer also sollte wann einen Helm tragen? Oder anders gefragt: Sollten nicht die in der Hauptsache Verwantwortlichen für Unfälle stärker zur Rechenschaft gezogen werden? Klar würde das auch für die seltenen Fälle gelten, wo ein Fußgänger ein Auto attackiert oder ein Radler ein Auto von der Straße abdrängt (wo auch immer so etwas stattfinden mag).

In der Hauptsache wäre meiner Meinung nach allen Verkehrsteilnehmern am ehesten gedient, wenn diejenigen mit der größten Macht im Straßenverkehr zu Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme angehalten werden. Ob das der Fall ist, wenn jeder Autofahrer automatisch nur noch mit einer Teilschuld rechnen muss, wenn der schwächere sich nicht ausreichend schützt, wage ich zu bezweifeln.

Befürchtet wird jetzt eine Helmpflicht durch die Hintertür: Im Vergleich zu einem läppischen Bußgeld bei einer „richtigen“ wäre die Mit-Haftung bei schweren Unfällen fast untragbar für die meisten Radler.

PS: Helme sind generell gut. Ich trage einen, wenn ich mit dem MTB unterwegs bin. Kinder und alte Menschen sollten einen tragen, finde ich, ebenso wie zum Beispiel diejenigen, die sich auf dem Rad nicht sicher fühlen. Aber rund 90 Prozent der Alltagswege lassen sich von Menschen, die in Städten und Dörfern leben, problemlos mit dem Rad erledigen. Dass das auch wirklich geschieht, davon sind wir weit entfernt. Etwas für dieses Ziel zu tun, hielte ich für sinnvoller – selbst wenn Autofahrer dafür mehr Rücksicht nehmen müssten und etwas Komfort einbüßen würden.